11.11.2020 | Projekt "ICH BIN DABEI": Seminar "Jugendamt: Mythen und Fakten", Berlin, Wissensturm e.V.

Am 11.11.2020 fand im Rahmen des Projekts „ICH BIN DABEI“ das Informationstreffen mit der Mitarbeiterin des Fachbereichs „Jugend, Familie und Gesundheit“ im Kreis Lippe Julia Prokofieva statt. Frau Prokofieva erzählte darüber, wie das Jugendamt aufgebaut ist, welche Aufgaben es wahrnimmt und in welchen Leistungsbereichen es den Jugendlichen, Familien mit Kindern und Bildungseinrichtungen zur Verfügung steht. Darüber hinaus hat sie die offenen Fragen der Teilnehmer*innen rund um das Thema beantwortet.

Es existieren etwa 600 Jugendämter bundesweit, deren Aktivitäten unter Russischsprachigen oft skeptisch mit "Kontrolle über die Kindererziehung in Familien" in Verbindung gebracht werden. Bei unserem Treffen wollten wir herausfinden, ob es wirklich so stimmt. Zunächst erzählte Frau Prokofieva über die Struktur und das Aufgabenspektrum des Jugendamtes: den Erziehungs- und Bildungsprozess der Kinder unterstützen sowie den Schutz des Kindeswohls gewährleisten. Im Rahmen der präventiven Tätigkeit im Bereich der "Frühe Hilfe" des Kreisjugendamtes berichtete Frau Prokofieva unter anderem über ihre Erfahrungen in der Arbeit mit jungen Menschen, die sie in schwierigen familiären bzw. schulischen Lebens- und Situationslagen sowie zwecks der Informationen rund um die Berufsorientierung beraten und unterstützt hat. Besonderes Augenmerk haben wir auf die gesetzlichen Regelungen zu den Kinderrechten gelegt, vor allem auf das SGB VIII/ das achte Sozialgesetzbuch und auf die UN-Kinderrechtskonvention.  

Im Folgenden haben die Teilnehmer*innen über die Kinderrechte und Elternpflichten, die sich aus ihrem Sorgerecht ergeben, diskutiert. Wir haben erfahren, dass die Kinderrechte bereits im Schulunterricht vermittelt und von den Kindern eingefordert werden: im Falle einer Konfliktsituation hat das Kind die Möglichkeit, sich selbst an die öffentliche Jugendhilfe zu wenden. Frau Prokofieva erklärte, dass das Jugendamt in solchen Fällen das Recht behält, sich einzumischen, um gemeinsam mit der Familie die Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die Eltern können zwar die Hilfe des Jugendamtes jederzeit in Anspruch nehmen, sind dennoch berechtigt, in Erziehungsfragen eigenverantwortlich entscheiden zu dürfen, solange das Kindeswohl nicht gefährdet ist.

Im Anschluss an die Diskussion haben wir uns der Frage gewidmet, welche Befugnisse das Jugendamt neben der Wahrung des Kindeswohls hat. Laut Frau Prokofieva ist das Jugendamt nicht befugt, die Rechte der Eltern zu beschränken– das kann nur das Familiengericht. Sollten sich die Eltern nicht an gesetzliche Grundlagen des Kindeswohls halten können, wie z.B. keine körperlichen und psychischen Gewaltanwendungen, Einhaltung der Aufsichts- und Sorgepflicht, Sicherstellung der Grundbedürfnisse der Kinder (wie z.B. Lebensmittel, Kleidung, Hygiene), so darf es in das verfassungsrechtlich gesicherte Elternrecht eingreifen. Wir haben auch ausführlich darüber gesprochen, dass das Jugendamt nur in äußersten Fällen die extreme Maßnahme ergreift und Kinder in Obhut nimmt. Frau Prokofieva erklärte anhand der Beispiele über die Gründe der Inobhutnahme, das Verfahren und die Folgen des Kindesentzugs durch das Jugendamt sowie über die Statistiken in Deutschland.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Projekts ""ICH BIN DABEI" - Teilhabe lernen: Förderung des bürgerschaftlichen Engagements unter Russischsprachigen in Deutschland" mit Unterstützung durch das BMI statt.

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