Was bedeutet, anders zu sein

Das Projekt wird gefördert im Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung
„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für
inhaltliche Aussagen trägt der Autor die Verantwortung.

Das waren sieben wundervolle Tage, die die Schüler der Schule Nummer 71 aus Riga in Köln verbracht haben. Die Besonderheit dieser Schule jedoch besteht darin, dass sie ein Rehabilitationszentrum für Kinder mit beschränkten Möglichkeiten hat, das erfolgreich funktioniert. 

So haben sich die Kinder und Jugendlichen mit körperlicher Behinderung aus Lettland und Deutschland an den Ufern des Rheins getroffen. Das Wort „Behinderte“ wäre der falsche Begriff, wenn die Rede von solchen glücklichen und begabten Kinder ist. Die Schüler aus Riga wurden in Deutschland von Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 19 Jahren aus Migrantenfamilien unterschiedlichster Herkunft empfangen. Das Treffen wurde vom Bundesverband Russischsprachiger Eltern organisiert, der auch  diese Jugendlichen aus Lettland eingeladen hat, um an diesem Projekt teilzunehmen. Was für ein Glück das war, gemeinsam miteinander zu kommunizieren, an einem Theaterstück zu arbeiten, eine Fotoausstellung  vorzubereiten, oder einfach sich über das Leben zu freuen, ohne dabei zu merken, dass einige schwach sehen oder kaum gehen können. Denn niemand ist schuld daran, dass auf der Welt die Menschen mit unterschiedlichen physischen Problemen geboren werden. Nun wie kann man die Vorurteile der Gesellschaft überwinden, damit ein junger Mann oder eine junge Frau im Rollstuhl keine Abneigung oder den Wunsch sich wegzudrehen hervorrufen? Für diese Menschen gibt es nichts wertvolleres, als einen warmen Blick zu sehen oder zu realisieren, dass man als gleichwertig angesehen wird. Denn es ist gar nicht so leicht, anders zu sein.  

Das lettisch-deutsches Treffen fand im Rahmen des jährlichen internationalen Projekts „All together now!“ statt, das von dem BVRE in Kooperation mit der Schule 71 in Riga durchgeführt wird. Einerseits lernen die gesunden Kinder sich tolerant gegenüber den behinderten Menschen zu verhalten. Andererseits können sich die Kinder mit physischen Problemen wie alle anderen fühlen, was sehr wichtig für eine harmonische Entwicklung einer Persönlichkeit ist.

All das sieht viel schlimmer aus, wenn die Gesellschaft insgesamt krank ist, sobald sie sich mit dem Virus der Diskriminierung infiziert hat. Diskriminierung hat viele Gesichter, und eins davon ist unsere Wahrnehmung der Behindertenwelt. Das Projekt „All together now!“ beschäftigt sich mit der Ertüchtigung des Bewusstseins innerhalb der Gesellschaft, und hat deshalb eine bundesweite Bedeutung erlangt. Im Rahmen der gesamten Integrationspolitik Deutschlands wird dieses Projekt von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) finanziell unterstützt. Eine der Hauptarbeitsrichtungen der Stiftung ist das Programm „Europeans for Peace“, das ähnliche internationale Projekte zwischen Deutschland und seinen Partnern- den Eu-Ländern, nicht EU-Ländern, einschließlich die ehemaligen Republiken der Sowjetunion und Israel – finanziert.

Das Jahresprojekt besteht aus zwei Teilen. Im Oktober 2015 haben die Schüler aus Riga Köln besucht, und im März 2016 werden die deutschen Jugendlichen Lettland einen Besuch abstatten.

Im Laufe dieser Zeit bereiten alle einen gemeinsamen Theaterauftritt im Sinne einer Performances mit dem Titel „Was bedeutet, Anders zu sein“ vor, der zusammen mit einer von den Jugendlichen organisierten Fotoausstellung, im Frühjahr in Riga präsentiert wird. In Lettland wird das Projekt von der professionellen Berufspädagogin Inesse Palma und der Leiterin des Theaterstudios der Schule 71 „Mask“, Iolanta Suprijanovicha, betreut. Der Leiter des Projekts in Deutschland ist der Produzent und Regisseur Wladimir Weinberg, sowie die Koordinatorinnen Yulia Sauchuk und Elena Weinberg.

Die Proben für den geplanten Auftritt liefen in den Räumlichkeiten der Kölner Musikakademie unter der Leitung von Igor Epstein (Weltmusik, Klezmer und Ästhetik Akademie, Integrations- und Begegnungszentrum) und des Kultur- und Integrationszentrums PHOENIX – Köln e.V. (wofür wir diesen Leitern sehr dankbar sind) auf Hochtouren.

Die Aufgabe der Kuratoren besteht lediglich darin, die Arbeitsrichtung zu zeigen, sowie Orientierung und Ratschläge zu geben. Alles andere wird von den Jugendlichen selbst geschaffen, mit Hilfe ihrer Weltwahrnehmung und kreativer Fantasie. Im Theaterstück werden die Szenen aus dem Roman „Blumen für Elgernon“, des amerikanischen Autors Daniel Kizi, nachgestellt.

Außerdem sind in der Theateraufführung plastische Musiketüden über die Probleme der Interaktion der modernen Gesellschaft mit behinderten Menschen, sowie Dokumentarische Bericht von Menschen mit begrenzten Möglichkeiten und deren Angehörigen und Freunde, Pädagogen und Kollegen/innen über freudige und traurige Momente des Lebens. Diese kreative Methode wird häufig „Theater. Dok“ genannt.

Durch die Sprache des Schauspiels, mit Pantomime, und durch bildhafte Tanzauftritte wollen sie, dass die wichtigsten Probleme des Zusammenlebens verschiedener Menschen in einer Sozialgesellschaft jeden erreichen. Im Laufe dieses Jahres werden auf den Straßen von Köln und Riga die Umfragen zum Thema „Behinderte und Gesellschaft“ durchgeführt, und es wird eine Reihe von Bildern für eine große Fotoausstellung gemacht. Die Jugendlichen haben einen erfahrenen Mentor – den berühmten Kunstfotografen Yuri Brodskij. Die jungen Leute haben noch viel zu tun, aber sie haben keine Angst vor Schwierigkeiten, denn Freundschaft und geneinsame Ziele haben das Team aus zwei Ländern gefestigt. Nicht umsonst heißt das Projekt „All together now!“.

Während die Schüler aus Riga die Pausen zwischen den Proben hatten, haben sie die Geschichte Kölns  kennengelernt, Ausflüge gemacht, den Kölner Verein der Behinderten, die an Schwimmwettbewerben teilnehmen,  besucht, und interessante Kontakte geknüpft. Im Kölner Rathaus, zum Bespiel, haben Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes und der Behindertenbeauftragter von Köln Dr. Günter Bell die Schüler aus Deutschland und Lettland begrüßt.

Die Teilnehmenden der internationalen Gruppe haben jeden Tag aufs Neue erlebt und viele Eindrücke gesammelt. Sie wurden sehr positiv überrascht, wie offen die deutsche Gesellschaft gegenüber den Behinderten ist, und wie menschlich der Alltag für solche Menschen in Deutschland gestaltet ist. Das Leben der Menschen mit beschränkten Möglichkeiten wird überall im Alltag wesentlich  erleichtert:  in allen deutschen Städten gibt es spezielle automatische Abstiegstreppen im Bus, Parkmöglichkeiten und Aufzüge. Leider findet man das nicht in allen Ländern. Jugendliche aus Riga und Köln haben realisiert, dass „anderes zu sein“ gar nicht so schlecht ist, wenn man verstanden und akzeptiert wird, wie man ist. Nach der Rückkehr  in Riga gibt es bestimmt viel zu erzählen. 

Von Jana Franz

"Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor bzw. tragen die Autoren die Verantwortung".

Der Regisseur und Kurator des internationalen Projekts „All together now!“ Wladimir Weinberg: „Die Hauptrichtung unseres Projekts ist gemeinsames Leben in der Gesellschaft der gesunden Menschen und derjenigen, die körperlich behindert sind. Mit der Sprache der Schauspielerei/des Schauspiels wird es uns ermöglicht das zu machen. Im Laufe des Projekts steigt einerseits das Selbstwertgefühl der Jugendlichen mit Behinderung, und andererseits eröffnet sich für die gesunden Kinder die Welt der behinderten Menschen und sie realisieren ihre Gleichstellung mit den anderen. Auf diese Weise wird Freundschaft, Vertrauen und Toleranz geboren.“

Die Koordinatorin des internationalen Projekts „All together now!“ Yulia Sauchuk: „Ich bin froh, dass dieses Projekt grünes Licht bekommen hat. Kindern ist es bewusst geworden, dass anders zu sein gar nicht so schlecht ist. Es ist wichtig, sich selbst zu finden. Schon jetzt sehen wir die Saat der richtigen Denkweise in das Bewusstsein der Heranwachsenden. Ein gesundes Selbstbewusstsein jedes Menschen von heute ist eine glückliche Zukunft von morgen“.

 

Die Pädagogin des Rehabilitationszentrums für behinderte Kinder und Jugendliche in der Schule 71 in Riga, Inesse Palma und Leiterin des Theaterstudios „Mask“, Iolanta Supriyanovich: "Dieses internationale Projekt hilft nicht nur die behinderten Menschen mit anderen Augen zu sehen sondern erweitert die Weltanschauung die Wahrnehmung und ermöglicht es Menschen aus einem anderen Land kennenzulernen. Wir wurden sehr positiv überrascht, dass Menschen im Rollstuhl ein aktives Leben in Deutschland führen, sich nicht verstecken und keine Scheu haben. Dafür haben wir viel Respekt vor Deutschland!"

 

Nikita Semin, Schüler der 9. Klasse des Rehabilitationszentrums in Riga:“ In Köln gehe ich viel mit den anderen Kindern spazieren. In Riga lässt man mich nicht so lang spazieren gehen. Hier ist alles bequem und zugänglich! Ich habe zwar einen Behindertenausweis, aber in der Realität fühle ich mich wie ein ganz normaler Junge. Ich trainiere und nach der Schule möchte ich Koch werden. Zu Zeit bereiten wir einen Theaterauftritt vor. Vielen Dank an alle, die uns ein Stück vom Glück in Deutschland geschenkt haben. Eines Tages möchte ich selbstständig nach Deutschland reisen. Das werden sie sehen!“

 

Tatjana Winogradowa, Schülerin der 12. Klasse Schule Nummer 71: „Wir bereiten einTheaterstück aus dem Leben vor. Ein Schüler verbirgt seine körperlichen Mängel. Er sitzt im Bus und macht seinen Platz weder für eine alte Frau noch für eine schwangere Frau frei. Alle werden wütend und schimpfen. Der Junge hält die Kritik nicht aus und steht auf. In diesem Moment haben alle im Bus gesehen, dass er behindert ist. Und wir erleben ähnliche Situationen sehr oft.“

 

Dmitri Romanow, Schüler der 11. Klasse Schule Nummer 71: „Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Pracht des Kölner Dom und die vielen Möglichkeiten, die den Behinderten zur Verfügung stehen.“

 

Mike Ostrowski, Schüler des Richard-Riemerschmid-Berufskollegs in Köln: „Ich bin der Teilnehmer der Theateraufführung „Was bedeutet, anders zu sein“. Früher habe ich nie mit Menschen mit eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten zu tun gehabt. Jetzt habe ich realisiert, dass sie genauso wie wir sind. Wir haben uns alle sehr angefreundet und ich kann mir kaum vorstellen, wie ich ohne meine neuen Freunde leben werde, wenn sie zurück nach Riga fahren.“

 

Die Leiterin des Sekretariats BVRE in Deutschland Kira Titkova hilft aktiv bei dem Projekt „All together now!“.

 

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