Gedenken gegen den Krieg. Aktion im Treptower Park

Olga Groznaya · 

Jedes Jahr am 8. und 9. Mai wird der Treptower Park in Berlin zu einem Ort, an dem die Spaltung innerhalb der russischsprachigen Community besonders sichtbar wird: Erinnerung an den Krieg trifft hier auf den Kult des Sieges, Trauer auf das imperiale Pathos, Verantwortung auf Versuche, einen neuen Krieg zu rechtfertigen. Bereits zum fünften Mal organisiert das Bündnis „Gedenken gegen den Krieg“, initiiert von Demokrati-JA e. V. und Memorial Deutschland, eine Aktion zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und für ein zeitgemäßes Gespräch über Erinnerungskultur.

Auf einer Wiese im Treptower Park findet ein ungewöhnlicher Workshop statt. Teilnehmende der Aktion und Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen diskutieren darüber, wie man über Erinnerung, Krieg und Verantwortung sprechen kann — ohne Aggressionen und ohne Rechtfertigungen.

Gerade hier und gerade jetzt ist dieses Gespräch wichtig. Denn nur wenige Stunden später werden viele von ihnen zum sowjetischen Ehrenmal gehen — an einen Ort, der sich am 9. Mai jedes Jahr in ein Konfliktfeld verwandelt: mit propagandistischen Parolen, aggressiven Besucher*innen und einer Atmosphäre, die schwer auszuhalten ist.

Im Workshop ging es darum, was man tun kann, wenn Menschen durch Fakten und Argumente nicht mehr erreichbar sind — besonders wenn es sich um Verwandte oder nahestehende Personen handelt. Diskutiert wurde auch, wie man in der toxischen Atmosphäre rund um sowjetische Ehrenmale Ruhe bewahren und ein reflektiertes Verhältnis zur Erinnerung vermitteln kann — ohne Aggression und ohne Rechtfertigungsdruck.

An diesen Tagen scheint der Treptower Park in mehrere unterschiedliche Erinnerungsräume zu zerfallen. An der Statue der Trauernden Mutter entstehen zwei Bühnen. Auf der einen erklingen alte sowjetische Lieder. Auf der anderen werden die Namen sowjetischer Soldaten und Soldatinnen verlesen, die im Park gefallen und begraben sind. Dies ist einer der wichtigsten Teile der Aktion „Gedenken gegen den Krieg“. Auf den Monumenten im Treptower Park wird der Name Stalins 17-mal erwähnt — doch kein einziges Mal die Namen der 7200 Soldaten und Soldatinnen, die hier begraben liegen. Bis heute sind nicht alle Namen der Bestatteten bekannt. Darüber berichten Aktivist*innen von Memorial Deutschland während ihrer kritischen Führungen durch den Park, die sie auf Russisch, Ukrainisch, Deutsch, Englisch und Spanisch anbieten. Die Teilnehmenden der Aktion legen Blumen an selbst gestalteten Tafeln auf den Sammelgräbern nieder.

An der Aktion beteiligten sich Vertreter*innen russischsprachiger demokratischer Organisationen und Initiativen aus verschiedenen Regionen Deutschlands, darunter Freies Russland NRW, Russischsprachige Demokratinnen und Demokraten aus Sachsen, Quarteera e. V. und weitere Initiativen.

Die Aktion „Gedenken gegen den Krieg“ ist nicht nur ein Gespräch innerhalb der russischsprachigen Community, sondern Teil einer breiteren gesellschaftlichen Debatte in Deutschland über Erinnerung, Verantwortung und Krieg. Unterstützt wird sie von Vertreter*innen aus Politik und Zivilgesellschaft. In diesem Jahr sprachen auf der Bühne Andreas Audretsch, Mitglied des Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen; Andreas Otto und Catrin Wahlen, Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen; Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick für die SPD; Claudia Leistner, Stadträtin in Treptow-Köpenick für Bündnis 90/Die Grünen; sowie Lydia Krüger, Sprecherin der AG Ukraine von Bündnis 90/Die Grünen.

Eine der zentralen Aufgaben der Aktion besteht darin, nicht zuzulassen, dass Erinnerung zur Waffe eines neuen Krieges wird. Deshalb geht es hier um die Namen der Toten, um Trauer, Verantwortung und um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit — ohne imperialen Lärm.

Der Workshop wurde von Demokrati-JA e. V. mit Unterstützung des Bundesverbands russischsprachiger Eltern e. V. (BVRE) im Rahmen des Projekts „Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt: Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft“ des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durchgeführt.