Memory:Next — Erinnerung, die wir selbst gestalten
In Dresden fand das interaktive Jugendforum Memory:Next statt. Daran nahmen 19 junge Menschen mit Migrationsgeschichte aus verschiedenen Bundesländern Deutschlands teil. Organisiert wurde das Forum vom Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V., der Organisation Memorial sowie dem Verein Russischsprachige Demokratinnen und Demokraten Sachsen. Drei Tage lang setzten sich die Teilnehmenden mit Erinnerungsorten, Biografien und historischen Narrativen auseinander – und entwickelten eigene Formen, um über Vergangenheit ins Gespräch zu kommen.
Erinnerung ist nie neutral. Um sie entstehen Konflikte – über Deutungen, Verantwortung, Zugehörigkeit sowie über die Sichtbarkeit unterschiedlicher Geschichten und Stimmen. Wer gilt als Opfer, wer als Täter? Was wird Teil des öffentlichen Erinnerns und was gerät in Vergessenheit? Mit diesen Fragen begann die Arbeit des Forums.
Für drei Tage wurde Dresden zu einem Ort der gemeinsamen Erforschung von Erinnerungskultur. Die Stadt, in der sich unterschiedliche historische Schichten überlagern, bot die Möglichkeit, nicht nur über die Vergangenheit zu sprechen, sondern auch darüber, wie diese Vergangenheit heute im Stadtraum sichtbar gemacht wird.
Nach einer einführenden Diskussion mit den Memorial-Mitarbeitern Sergey Bondarenko und Ivan Shemanov über die Bedeutung historischer Erinnerung begaben sich die Teilnehmenden auf eine interaktive Stadtexkursion durch Dresden. Trotz Regens führte die Route zu wichtigen historischen Orten der Stadt. Die Exkursion bot nicht nur einen ersten Zugang zum Thema, sondern auch die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und eine gemeinsame Diskussion zu beginnen.

Für die vertiefende Arbeit wurden vier Themen ausgewählt: die Zeit der Stasi, Antisemitismus und Holocaust während des Nationalsozialismus in Dresden, die Geschichte sogenannter „Menschenzoos“ sowie Jugendkulturen in der DDR.
Die Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit unterschiedlichen Quellen und Methoden. Eine Gruppe besuchte die Gedenkstätte Bautzner Straße, den ehemaligen Dresdner Stasi-Komplex mit seiner erhaltenen Untersuchungshaftanstalt. Die Teilnehmenden untersuchten, wie das System der Staatssicherheit das öffentliche und private Leben in der DDR beeinflusste.
Eine weitere Gruppe erkundete Orte jüdischer Geschichte in Dresden, die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung sowie die Erinnerung an den Holocaust. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur historische Fakten, sondern auch die Frage, wie über individuelle Schicksale respektvoll, präzise und ohne Entpersonalisierung gesprochen werden kann.
Die dritte Gruppe setzte sich mit dem Thema „Menschenzoos“ auseinander – einem wenig bekannten, aber wichtigen Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte. Im Deutschen Hygiene-Museum untersuchten die Teilnehmenden, wie rassistische Vorstellungen über Menschen aus anderen Regionen der Welt entstanden, verbreitet und gesellschaftlich verankert wurden.
Die vierte Gruppe beschäftigte sich mit Jugendkulturen der späten DDR, insbesondere mit Rap und Hip-Hop als Formen des Selbstausdrucks, der Gemeinschaft und des Sprechens über Freiheit. Die Teilnehmenden besuchten ein Hip-Hop-Kulturfestival und betrachteten das Thema nicht nur als musikgeschichtliches Phänomen, sondern als Teil der sozialen und kulturellen Geschichte der DDR.
Nach der Recherchephase verwandelte sich der Veranstaltungsraum für mehrere Stunden in eine kreative Werkstatt. Die Teams übersetzten ihre Erkenntnisse in eigene Erinnerungsobjekte – verständlich und auf Zeitgenossen ausgerichtet.
Eine Gruppe entwickelte eine Installation in Form eines Würfels. Auf seinen vier Seiten wurde die Geschichte des Rap in der DDR erzählt. Die Arbeit zeigte Jugendkultur als Raum der Suche nach Sprache, Freiheit und Zugehörigkeit.
Das Team, das sich mit der Geschichte der Stasi beschäftigt hatte, präsentierte ein Modell aus zwei Räumen. Der erste Raum zeigte einen scheinbar normalen Alltag, der jedoch von einem Mitarbeiter der Staatssicherheit heimlich überwacht wird. Der zweite Raum symbolisierte Kontrolle und Repression. Teil des Modells war auch ein Stuhl, der an die Untersuchungshaft und die Mechanismen politischer Unterdrückung erinnerte.
Die Gruppe, die sich mit dem Holocaust in Dresden auseinandersetzte, entwickelte ein Filmkonzept über die Lebensgeschichten von David Dodin und Henny Brenner (Wolf), die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Im Mittelpunkt standen persönliche Schicksale, Porträts und biografische Details.
Das Team zum Thema „Menschenzoos“ präsentierte gleich mehrere Formen des Erinnerns: Postkarten, eine künstlerische Arbeit, den Entwurf eines Denkmals sowie eine Installation. Viele Teilnehmende hatten vor dem Forum noch nie von diesem Kapitel der Geschichte gehört. Bei der Vorstellung ihrer Arbeiten diskutierten sie darüber, wie über rassistische Vergangenheit gesprochen werden kann, ohne dass diese unsichtbar bleibt.
„Besonders beeindruckt hat mich, mit welcher Offenheit und Neugier die Teilnehmenden an die unterschiedlichen Themen herangegangen sind. Die entstandenen Erinnerungsobjekte waren sehr verschieden, haben aber alle gezeigt, dass Erinnerung nicht nur etwas ist, das wir bewahren, sondern auch etwas, das wir aktiv gestalten und immer wieder neu interpretieren“, sagt Anastasia Sudzilovskaya, Projektleiterin von „Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt: Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft“, in dessen Rahmen das Forum stattfand.
Die Mitorganisator*innen von Memorial betonen: „Wenn wir möchten, dass unsere Gesellschaft weiterhin auf den Werten von Humanismus und Menschenrechten aufbaut, muss die Auseinandersetzung mit Erinnerung Teil des öffentlichen und pädagogischen Raums bleiben. Sie hilft uns nicht nur, die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch bewusst eine Zukunft zu gestalten, in der diese Werte ihren Platz haben.“
Das Erinnerungsobjekt zur Geschichte der Stasi wird künftig im Büro eines weiteren Mitorganisators des Forums ausgestellt. Ekaterina Beliankina, Vertreterin der Organisation und aktive Teilnehmerin des Forums, erklärt: „Die Jugendlichen haben die Inhalte und Ziele des Forums zur Erinnerungskultur mit einer beeindruckenden Tiefe erfasst. Selbst wir konnten uns kaum vorstellen, auf welchem Niveau sie ihre Projekte umsetzen würden.“
Memory:Next hat einen Raum geschaffen, in dem junge Menschen nicht nur über Erinnerungskultur gesprochen haben, sondern selbst zu ihren Mitgestalter*innen wurden. Sie lernten, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen, komplexe Themen ohne den Druck vermeintlich richtiger Antworten zu diskutieren, Manipulationen von Geschichte zu erkennen und eine Sprache zu finden, die ihre Generation erreicht.
Das Forum fand im Rahmen des Projekts „Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt: Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft“ des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ statt.