Migrant*innen in deutschen Medien: Eine Studie

Redakteurin · 

Wie entstehen dauerhafte Vorstellungen über Migration in deutschen Medien – und wie bewusst sind sich Journalist*innen selbst des Einflusses solcher Narrative auf ihre Arbeit? Damit beschäftigt sich eine neue Studie der AG Narrative Change im "Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt: Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft" im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, an dessen Arbeit auch der BVRE beteiligt ist.

Die Studie basiert auf acht leitfadengestützten Interviews mit Journalist*innen aus unterschiedlichen Medien: regionalen und überregionalen Tageszeitungen, öffentlich-rechtlichem Rundfunk, einer Nachrichtenagentur, einem migrantischen Fachmagazin sowie freien Korrespondent*innenbüros. Die Autor*innen betonen, dass die Analyse explorativ angelegt ist und keinen Anspruch auf Repräsentativität für den deutschen Journalismus insgesamt erhebt.

Ein zentraler Befund ist dennoch deutlich: Journalist*innen sind sich problematischer Migrationsnarrative überwiegend sehr bewusst und arbeiten diesen teilweise aktiv entgegen. Entscheidend für den Spielraum, den sie dafür haben, ist jedoch weniger die individuelle Haltung als die strukturelle Verfasstheit der Redaktion.

Die Studie beschreibt mehrere wiederkehrende Migrationsnarrative. Migration kann als unkontrollierbare Masseneinwanderung, als Bedrohung für Sicherheit, Arbeitsplätze und gesellschaftliche Stabilität, als humanitäres Schicksal oder – umgekehrt – über den ökonomischen Nutzwert von Migrant*innen erzählt werden. Gerade das utilitaristische Narrativ wirkt zunächst positiv. Die Autor*innen weisen jedoch auf seine Grenzen hin: Wenn migrantische Menschen vor allem über ihren wirtschaftlichen Nutzen bewertet werden, bleibt die zugrunde liegende Verwertungslogik bestehen.

Auch ganz praktische Bedingungen beeinflussen die Berichterstattung. In manchen Redaktionen gilt Migration online als Thema, das besonders viele Klicks bringt. In anderen sind vor allem fehlende Zeit und personelle Ressourcen ein Hindernis für ausführliche Recherchen. Hinzu kommt rechtspopulistischer Druck auf redaktionelle Agenden. Mehrere Journalist*innen beschreiben, dass sie bewusst darauf achten müssen, rechte Deutungsmuster nicht allein deshalb zu übernehmen, weil sie in politischen Debatten besonders laut vertreten werden.

Eine weitere Leerstelle betrifft die Menschen, die in der Berichterstattung vorkommen. Migrantinnen erscheinen häufig im Zusammenhang mit Flucht, Integration, Kriminalität oder als besonders erfolgreiche Beispiele. Weitaus seltener werden sie als „ganz normale Bürger“ sichtbar – als Arbeitnehmerinnen, Eltern, Schülerinnen, Unternehmer*innen oder politisch heterogene Wähler*innen mit unterschiedlichen Interessen und Positionen.

Ein wichtiges Qualitätskriterium gelungener Berichterstattung ist deshalb, Menschen nicht nur zum Gegenstand von Berichterstattung zu machen, sondern sie selbst sprechen zu lassen. In einem der Interviews wird das sehr prägnant formuliert: „Wir reden viel zu oft über sie statt mit ihnen.“ Ziel sollte eine Berichterstattung sein, die Migration als gesellschaftlichen Normalzustand und migrantische Personen als selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft behandelt.

Ein weiterer wichtiger Befund der Studie betrifft die Zugänge von Journalist*innen zu migrantischen Communities. Fast alle Befragten beschreiben diese Zugänge als voraussetzungsvoll und häufig nur schwach ausgeprägt. Vertrauen aufzubauen braucht Zeit – und Zeit ist in Redaktionen Mangelware. Eine Journalistin bringt es auf den Punkt: „Wenn du als Journalistin nur kommst, wenn's brennt, vertraut dir keiner.“

Die Studie richtet den Blick auch auf die Zusammensetzung der Redaktionen selbst. In einzelnen Redaktionen gibt es keine Mitarbeitenden mit Migrationsgeschichte. Wo Sprachkenntnisse oder gute Kontakte zu Communities vorhanden sind, hängen diese häufig von einzelnen Journalist*innen ab und sind nicht strukturell in der Redaktion verankert.

Die AG Narrative Change schlägt deshalb vor, professionelle, schnell erreichbare Ansprechstrukturen für Journalist*innen aufzubauen. Redaktionen brauchen die Möglichkeit, unkompliziert und kurzfristig fachliche Einschätzungen, Gesprächspartner*innen oder konkrete Geschichten zu finden. Zugleich empfiehlt die Studie, Geschichten aktiv zuzutragen und zu pitchen, statt auf Anfragen aus den Redaktionen zu warten. Als mögliche Ressourcen nennt sie ausdrücklich die Netzwerke der Träger des KVVZ: Türkische Gemeinde Deutschland, Polnischer Sozialrat, BVRE, DaMOst, BKMO und neue deutsche organisationen.

Im Kern schlägt die Studie damit auch eine andere Form der Zusammenarbeit vor: Journalist*innen sollten migrantische Communities nicht erst dann ansprechen, wenn eine „Migrationsproblematik“ auf der Tagesordnung steht. Und migrantische Organisationen sollten nicht nur auf Medienanfragen warten, sondern selbst Themen, Expertise und neue Protagonist*innen in die Redaktionen tragen.

Die Studie in deutscher Sprache kann unter folgendem Link gelesen werden:
„Mediale Narrative im Redaktionsalltag“