Wie ich Wahlhelferin bei den Berliner Wahlen war
Wie sieht Demokratie eigentlich aus, wenn man nicht über sie diskutiert, sondern ihre Stimmen buchstäblich auszählt? Anfang Mai habe ich mich als Wahlhelferin für die Berliner Wahlen angemeldet. Ich wollte schon lange einmal sehen, wie eine Wahl nicht aus der Perspektive der Wähler*innen, sondern von der anderen Seite des Tisches aussieht. Im Juni kam die Rückmeldung vom Bezirkswahlamt Treptow-Köpenick. Es hatten sich so viele Freiwillige gemeldet, dass es in meiner Nähe keine freien Plätze mehr gab. Schließlich wurde ich einem Briefwahlvorstand an der HTW Berlin in Oberschöneweide zugeteilt. Meine offizielle Funktion klang durchaus wichtig: Beisitzerin.
Wie sieht Demokratie eigentlich aus, wenn man nicht über sie diskutiert, sondern ihre Stimmen buchstäblich auszählt? Anfang Mai habe ich mich als Wahlhelferin für die Berliner Wahlen angemeldet. Ich wollte schon lange einmal sehen, wie eine Wahl nicht aus der Perspektive der Wähler*innen, sondern von der anderen Seite des Tisches aussieht. Im Juni kam die Rückmeldung vom Bezirkswahlamt Treptow-Köpenick. Es hatten sich so viele Freiwillige gemeldet, dass es in meiner Nähe keine freien Plätze mehr gab. Schließlich wurde ich einem Briefwahlvorstand an der HTW Berlin in Oberschöneweide zugeteilt. Meine offizielle Funktion klang durchaus wichtig: Beisitzerin.
Am 20. September traf sich unser Team um 15 Uhr auf dem Campus in der Wilhelminenhofstraße. Ab 18 Uhr, nach Schließung der Wahllokale, begann der spannendste Teil: die Auszählung. Was mich besonders beeindruckt hat, war die Genauigkeit, mit der das gesamte Verfahren organisiert ist. Vor der Wahl gab es eine Schulung, ausführliche Anweisungen und klar verteilte Aufgaben. Und eines wird zukünftigen Mitgliedern eines Wahlvorstands sehr deutlich vermittelt: Parteipolitische Neutralität und Verschwiegenheit sind verpflichtend. An diesem Abend spielt es keine Rolle, wen man selbst gewählt hat oder welche Parteien man sympathisch findet. Die Aufgabe ist ebenso einfach wie verantwortungsvoll: dafür zu sorgen, dass jede gültige Stimme korrekt gezählt wird.
Und dann beginnt Demokratie in einer sehr konkreten Form. Unterlagen prüfen. Umschläge öffnen. Stimmzettel herausnehmen. Sortieren. Stapel bilden. Prüfen. Zählen. Noch einmal zählen. Wenn ein Fall unklar ist, entscheidet man nicht nach Gefühl, sondern klärt ihn gemeinsam anhand der Regeln. Anschließend werden die Ergebnisse ins Protokoll eingetragen. Und am Ende müssen die Zahlen stimmen. Nicht ungefähr. Nicht „wird schon passen“. Sondern exakt. In solchen Momenten merkt man, wie viel ganz konkrete menschliche Arbeit hinter einem Wahlergebnis steckt, das wir am nächsten Morgen ganz selbstverständlich mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf dem Handy anschauen.
Am meisten haben mir aber die Menschen gefallen. An einem Tisch saßen Menschen unterschiedlichen Alters und mit ganz verschiedenen Berufen, die sich vorher nicht kannten und sich unter anderen Umständen vielleicht nie begegnet wären. Besonders gefreut hat mich, wie viele sehr junge Menschen dabei waren – darunter 18-Jährige, für die es die ersten Wahlen waren. Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus durften 2026 erstmals auch 16- und 17-Jährige wählen. Ich musste dabei ein bisschen über mich selbst lachen: Mit 18 hätte ich wahrscheinlich eher Krähen gezählt als Stimmzettel.
In den Pausen kamen wir ins Gespräch. Die jungen Wahlhelfenden wollten wissen, was ich beruflich mache. Also erzählte ich von unserer Arbeit beim BVRE, von politischer Bildung, gesellschaftlicher Teilhabe und unserer Arbeit mit Jugendlichen und unterschiedlichen Communities. Wir sprachen auch darüber, warum Demokratie mehr bedeutet, als alle paar Jahre zur Wahl zu gehen und ein Kreuz auf einem Stimmzettel zu machen. Am Ende tauschten wir sogar Kontakte aus. Und vielleicht war genau das mein schönster Moment an diesem Tag: Politische Bildung fand ausnahmsweise nicht auf einem Panel, in einem Workshop oder im Rahmen eines Projekts statt. Sie entstand ganz von selbst – zwischen Wahlumschlägen, Protokollen und Stapeln von Stimmzetteln.
Nach diesem Tag habe ich noch mehr Respekt vor dem Wahlverfahren. Natürlich ist Demokratie viel mehr als Wahlen. Aber Wahlen funktionieren auch deshalb, weil Tausende ganz gewöhnliche Menschen bereit sind, ihren Sonntag mit einer ziemlich kleinteiligen Arbeit zu verbringen: Regeln einzuhalten, sich gegenseitig zu kontrollieren, zu zählen und nachzuzählen, damit am Ende jede Stimme dort berücksichtigt wird, wo sie hingehört.
Zum Abschied wurde uns bereits gesagt, dass man sich freuen würde, uns bei den nächsten Wahlen wiederzusehen. Die nächste reguläre Bundestagswahl ist für 2029 vorgesehen. Also in ungefähr zweieinhalb Jahren. Toi, toi, toi – hoffentlich nicht früher. Vielleicht bin ich wieder dabei.
Und falls jemand überlegt, sich beim nächsten Mal als Wahlhelfer*in zu melden: Ich kann es nur empfehlen, das wenigstens einmal auszuprobieren. Es ist eine ziemlich besondere Möglichkeit, Demokratie von innen zu erleben. Nicht als abstrakten Begriff. Sondern ganz praktisch – Stimmzettel für Stimmzettel.